Sängerportrait Josef Schlude

Seit Jahrzehnten ist Josef Schlude in und für die Germania aktiv. Im Gespräch mit der Germania-Redaktion blickt der Familien- und Großvater auf diese Zeit zurück.

Lieber Josef, ich habe mal gelesen, wer so heißt wie Du, wird selten so genannt, wie es das bei Dir?

Tatsächlich, die haben alles Mögliche zu mir gesagt. Zuhause war ich der Seppi, bei einem Arbeitskollegen der Joschka, Jupp teilweise, aber Seppl, das war so der Schlachtruf. Meine Frau sagt Josef, allerdings bei einer bestimmten Tonlage ist dann Vorsicht geboten.

Wie wurdest Du eigentlich Sänger bei der Germania?

Mein Vater war auch bereits aktiver Germania-Sänger. Als Kind wohnten wir in der Schanzenstraße. Bei uns in der Straße wohnte der damalige erste Vorsitzende Jakob Massoth und drum herum weitere acht Sänger, ein richtiges Germania-Nest.

Also aus allen Häusern ertönte Gesang und Du warst der noch einzige Stumme?

Richtig. Bei irgendeinem x-beliebigem Geburtstag gab es immer ein Ständchen und schon als kleiner Bub stand ich mittendrin. Mit meinem 13. Lebensjahr nach dem Stimmbruch war ich dann schon im Chor dabei, mit 14 offiziell – seit 1961.

Wie war das als ‚Knirps‘ zwischen all den gestandenen Herren?

Völlig unkompliziert! Neben Georg Hartmann, dem Vater von Seppl Hartmann, hab‘ ich Singen gelernt ‚Buu, do gähj häj!!‘ Kommandotöne – so war das damals. Dann habe ich meine Noten gekriegt und er hat mir ins Ohr gebrummt. Bei den drei, vier, fünf Preissingen im Jahr war ich immer dabei und die Sänger haben auf mich aufgepasst.  So hat sich das langsam gesteigert. Schließlich auch der Eintritt bei den Fidelios. Die gab es damals schon. Da habe ich dann 30 Jahre mitgemacht.

Bei der Germania hast Du Dich  freigeschwommen und auch andere angelernt?

Das kam durchaus vor. Als Georg Hartmann nicht mehr war, habe ich Anfänger neben mich bekommen.

Stimmbildung – wie funktionierte das in früheren Zeiten?

Unser Dirigent am Anfang war Gregor Lehr, ein Mann mit Autorität, manchmal auch ein bisschen autoritär. Eigentlich war er ein ruhiger Mensch. Aber wenn es mal nicht klappte, dann wurde er auch laut: ‚Wie kann man denn so dumm sein!‘ Wort für Wort hat er uns ‚reingeprügelt‘, halbe Stunde am selben Takt, am selben Stück gearbeitet, bis er zufrieden war. Und noch mal das Ganze: ‚Das kann doch nicht schwer sein…‘ Owowo. Die Stimmlagen wurden getrennt bearbeitet, aber Einzelsingen sowas gab es nicht. Wenn einer nicht den Ton traf, wurde eben 20mal wiederholt bis es passte – Gruppenzwang.

Die Singstunde war auch schon dienstags?

Ja, zwei Stunden, von 8 bis 10.

Und Anwesenheitszwang?

Da wurde zwar sehr drauf geachtet, aber Strafen gab es keine für Abwesenheit. Allerdings gab es schon einen gewissen Zwang. Wir waren ja mehrere Male im Jahr bei Preissingen. Und wenn du mit auf die Bühne wolltest, dann musstest du auch bei den Proben anwesend sein. Zwar wurden häufig die gleichen Lieder beim Wettbewerb gesungen, aber die mussten sitzen. Damit waren wir sehr erfolgreich. Schau dich mal um, die ganzen Pokale!

Wie mir scheint, hat der Germania-Chor einen ganz besonderen Klang. Wie erklärst Du Dir das??

Wir waren uns alle unserer Stimme sicher – auch wenn wir beispielsweise als erster Bass im ersten Tenor gesessen sind. Und wenn wir an ‘Kähwemondaach’ durch die Wirtshäuser gezogen sind, da haben wir auch durcheinander gesessen. Wir blieben beim Singen einfach ‚hocken‘ und haben uns nicht nach der Stimmlage gruppiert. So wurde gesungen und das hat es ausgemacht.

Die Fidelios, Dein zweiter Germania-Chor, welchen Charakter hatte der denn?

Damals hat es geheißen, das waren die Jungsänger, auch wenn manche über 50 Jahre alt waren. Aber wir hatten in diesen Zeiten tatsächlich mehrere junge Leute unter 30. Das war ein großer Anreiz und hat uns viele weitere Sänger gebracht, aber auch fördernde Mitglieder. Wir waren ja zeitweise der zweistärkste Verein in Lorsch.

Die Fidelios haben mehr ein Unterhaltungsprogramm geboten, oder?

Ja. Bei der ‘Fassenacht’, aber auch bei den Familienabenden. Für die Mitglieder waren die Familienabende eintrittsfrei. Es war ein Dankeschön für die Germania-Familie und fand meist im Oktober statt. Das Programm wurde vom Verein gestaltet. Ursprünglich die Fidelios. Später haben wir auch Sketche und Theaterstücke.

Alte Zeitungsausschnitte aus 1982 zeigen Dich aber nicht als Sänger sondern als Tänzer in einem Männerballett.

Richtig. Meine Frau war die Trainerin. Der Spitzentanz war der Höhepunkt. Karl-Heinz Boll war da mein Partner. Wir haben die tollsten Dinger gemacht, häufig an Fastnacht. Aber heute ging das gar nicht mehr. Anderseits wäre das jetzt eben queer.

Hast Du auch mal Solo gesungen?

Bei den Fidelios ein-, zweimal. Nicht im großen Chor. Weil da hatten wir hier in der Vergangenheit wirklich gute Solisten, in alle Richtungen. Super Tenöre, zweite Bässe, Baritons, gute Stimmen, da musste ich nie ran. Und eigentlich wollte ich es auch nicht, es nicht meine Art.

Aber Du hast auch Sketche aufgeführt und man hat mir erzählt: ‚Der Regisseur, das war der Schlude Seppl‘?

In der Zeit der Familienabende haben wir ja auch Theaterstücke aufgeführt, meist Einakter, 45 – 60 min maximal. Die Idee wurde geboren, nachdem es nicht mehr möglich war ein komplettes musikalisches Abendprogramm mit eigenen Leuten zu gestalten. Da haben wir uns halt anders sortiert und gesagt: Ok, dann machen wir ein Theaterstück und wir haben dafür wir eine Stunde Ruh.

Die Stücke hast Du ausgewählt??

Von Konrad Massoth habe ich das Ganze übernommen. Er hat irgendwann gesagt, er war damals auch nicht mehr der Jüngste: ‚Ich kann das nicht mehr, es geht nicht mehr, komm doch mal vorbei, ich gebe dir mal ein paar Bücher.‘ So ist das entstanden. Ich habe mit einem Verlag in Darmstadt Kontakt aufgenommen. Die haben mir immer wieder 5-6 Bücher geschickt, aus denen ich die Stücke ausgesucht habe. Es ging dabei um Machbarkeit. Wir haben die Mehrzweckhalle für die Veranstaltungen genutzt. Dorthin musste der ganze Kram, Möbel, Geschirr aber auch die Kulissen hingeschafft werden. Ein für uns riesiger logistischer Aufwand. Deshalb war es wichtig, dass die Stücke, mehr oder weniger einfach zu handhaben waren.

Du hast Auswahl der Stücke bestimmt und diese inszeniert, hast Du am Ende auch noch die Kulissen gebastelt?

Nee, die haben wir alle zusammen gebaut.

Aber vor Ort warst Du doch auch?

Ja, vor allem beim Aufbau.

Zwei Chöre, die Theaterstücke, die Aufführungen mit Proben, das hört sich nach einer sehr gut gefüllten Woche an, gerade wenn man als Elektriker, später als Mess- und Regeltechniker, zeitweise im Schichtdienst berufstätig ist.

Da musst du dich mal mit meiner Frau unterhalten, die kann dir da noch ein paar ‚Stücker‘ erzählen. Du musst bedenken, zwischen 1970 und 1980 habe ich auch noch in Heppenheim gewohnt, musste also hin- und herfahren. Wir haben Chorsingstunde am Dienstag gehabt, Sonntagmorgens dann die Fidelio-Singstunde. Im Vorstand war ich auch eine ganze Zeit lang.

Was hast Du gemacht??

Alles Mögliche, zum Schluss war ich Vergnügungsausschussvorsitzender.

Wie kann man sich denn so einen ‚Job‘ vorstellen?

Den Ausschuss habe ich mir selbst zusammengebastelt. Da war der damalige Vorsitzende Anton Bohrer dabei und: ich habe auch Frauen eingebunden. Man hat am Anfang nie begriffen, wie wichtig Frauen gerade in einem Verein wie dem unseren sind. Das wollte man einfach nicht verstehen. Besonders Anton wurde manchmal laut: ‚Wie kannst du nur? Frauen in einem Männerchor??‘ Aber man muss sich eben durchsetzen.

Zu dieser Zeit wurde auch das Sängerheim erworben und umgebaut. Würde man jetzt hier ‚Schlude‘ rausrufen, könnte es sein, dass nichts mehr geht, zumindest das Elektrische. 1987 oder 88 sind wir hier eingezogen.

Allerdings war das Sängerheim am Anfang ein Heiligtum. Einmal falsch hingeschaut, schon wurde man gerügt. So musste ich für Proben der Theatergruppe den Schlüssel für das Heim beim Vorstand abholen und nach der Probe wieder abgeben.

Und zum Schluss warst Du Notenwart! Aber im Vergleich zu früher, wie fühlst Du Dich da?

Ich bin immer noch zufrieden. Ich glaube, ich bin soweit Realist, als dass ich sehe, dass viele Sachen eben nicht mehr in gleicher Weise existent sein können. Das eine oder andere geht verloren, so ist eben. Das Digitale macht da auch vieles kaputt. Mich wundert aber umso mehr, dass die Germania immer noch stabil ist, gerade wenn man rundherum vieles andere betrachtet. Dies kann auch darin liegen, dass wir vieles in der Vergangenheit richtig gemacht haben, immer mit den Sängern und nicht gegen sie. Wir haben glücklicherweise immer gute Vorsitzende gehabt. Der Anton war zwar manchmal speziell, aber in Sachen Verein hat er sehr vernünftig agiert. Das war und ist ein großer Segen: gute Vorsitzende mit Weitblick. So blieb der Verein stabil.

Auch wenn vieles von den sozialen Veranstaltungen weggebrochen ist?

Silvesterball, Rosenmontagsball, Tanz in den Mai, Familienabend habe ich erlebt. Nur, da wurde einiges immer teurer. Am Anfang hat eine Kapelle 500 DMark für den Abend verlangt, kurze Zeit später war es das Dreifache. Riesige Sprünge, die man sich nicht mehr leisten konnte. Die nötigen hohen Eintrittspreise konnte man einfach nicht verlangen. So ist dann eines nach dem anderen aus dem Jahresprogramm verschwunden.

Die Germania heißt ja nicht Harmonie. Ging es denn immer harmonisch zu?

Naja, das eine oder andere Mal hat es härtere Diskussionen gegeben, gerade als es um das Vereinsheim ging, vor allem beim Kauf und ganzen Kram in der Vorgeschichte. Aber insgesamt ist als vernünftig ablaufen.

Ich selbst bin ja nicht so lange dabei, war aber von Anfang überrascht über die positive Stimmung im Verein.

Ja, ja, immer wirklich vernünftig. Manchmal wurde es hitzig zwischen zwei Personen, aber mit Blick auf den Verein ist alles gut abgelaufen.

Hast Du nicht mal Lust wieder auf den ‚Putz‘ zu hauen?

Nee, jetzt wieder anzufangen? – in Sachen Notenwart, da kribbelts manchmal – aber nee, das ist vorbei. Ich werde 76, das tu ich mir nicht mehr an. Ich helfe bei Lichterketten, solange ich auf die Leiter komme.

125 Jahre Germania – wie lange warst Du dabei?

62, 63 Jahre.

Also rund die Hälfte des gesamten Bestehens des Vereins!

Seppl, ganz herzlichen Dank für Deinen persönlichen Rückblick.